Einigung im Multi-Stakeholder-Feld
Wie es gelingt, mit Convergent Facilitation im Muti-Stakeholder-Feld zu Lösungen zu gelangen, die für alle akzeptabel sind.
„Wir haben im Führungskreis noch nie so konstruktiv gesprochen, wenn es um eine knifflige Angelegenheit geht“, sagte neulich ein Bereichsleiter zu mir. Er bezog sich dabei auf ein Treffen im Führungskreis, das unmittelbar nach einem Abstimmungsgespräch für einen partizipativem Prozess in dem Unternehmen stattfand, das ich geleitet hatte.
In diesem Gespräch fragte ich nach einer Einführung sofort nach den Vorbehalten und Bedenken der Führungskräfte. Sie kamen zögerlich, aber sie kamen. Ich hörte zu, versuchte zu verstehen, auch die Hintergründe, und schrieb alles auf ein Flipchart. Vor allem die dahinterliegenden Bedürfnisse, also das, was den Führungskräften für den partizipativen Prozess wichtig war. Den Vorstand durfte ich einige Male ausbremsen, als er versuchte, zu erklären oder zu rechtfertigen.
Reicht Zuhören aus?
Nein, aber die Wirkung dieses Online-Gespräches ist trotzdem verblüffend. Ich habe ja eigentlich nur aufmerksam zugehört und notiert, was mir gegeben wurde. Offenbar steckt darin aber ein Teil der Magie, die sich mit Convergent Facilitation entfalten kann. Diese Art des Zuhörens ist jedoch nur ein Teil dieses Ansatzes.
Convergent Facilitation ist (noch) wenig bekannt. Miki Kashtan entwickelte es im Laufe vieler Jahre des Arbeitens mit sehr konträren Stakeholdern. Wir finden ihn genial und übersetzen gerade ihr Buch „The Highest Common Denominator“.
Primär geht es dabei darum, weit auseinander liegende Positionen von Stakeholdern soweit einander anzunähern, also Konvergenz zu ermöglichen, dass zuletzt eine Lösung auf dem Tisch liegt, mit der sich alle identifizieren können und eine einvernehmliche Entscheidung getroffen wird.
Ein Beispiel
Mehr als 25 Jahre lang stritten sich kinder- und zahnärztliche Fachgesellschaften darüber, wie die Kariesprophylaxe bei Kleinkindern erfolgen soll. Nachdem man 2 Jahre vergeblich versucht hatte, sich gegenseitig mittels Evidenz von der Richtigkeit der eigenen Lösung zu überzeugen, wandte man sich an uns. Nach einem intensiven Prozess und mehreren Workshops traten sie danach sichtlich stolz mit einer einheitlichen Empfehlung vor die Presse. --> mehr dazu hier
Ein Teilnehmer schrieb mir hinterher: „Sehr geehrter Herr Flinker, … ohne Ihre entwaffnenden Techniken gäbe es die geeinten Empfehlungen nicht.“
Entwaffnend
Tatsächlich geht es darum, das Aufrüsten mit Argumenten zu unterbinden und stattdessen das gegenseitige Zuhören zu befördern und alles, was für die Stakeholder wichtig ist, aufzunehmen.
Das Ziel ist zum einen, ein langsames Loslassen von Lieblingslösungen oder Vorlieben zu bewirken, weil man sich damit niemals einigen kann. Es könnte ja nur einer gewinnen und ein anderer würde verlieren. Ziel ist zum anderen ein Weiten der Toleranzbereiche zu ermöglichen, so dass sie sich berühren oder überschneiden. Im Überschneidungsbereich liegt die Lösung, die für alle funktioniert.

Toleranz wachsen lassen
Der Toleranzbereich von uns weitet sich vor allem unter zwei Bedingungen: erstens wollen wir mit unseren Bedürfnissen gesehen werden (nicht mit unseren Lieblingslösungen!). Zweitens sind wir menschliche Wesen, die Verständnis für andere entwickeln können, wenn wir deren Bedürfnisse hören. Man kann den Toleranzbereich deshalb nicht direkt ausweiten, aber man kann ihn wachsen lassen. Genau da setzt Convergent Facilitation an.
Gesellschaftliche Relevanz
Wir glauben, dass die Fähigkeit, zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen, auch ein Schlüssel dafür ist, Polarisierung und Spaltung zu aufweichen oder sogar aufzulösen. Deshalb geben wir unsere Erfahrungen und unser Wissen dazu regelmäßig weiter.
Convergent Facilitation ist im Grunde genommen recht einfach und basiert auf wenigen, grundlegenden Prinzipien und klaren Abläufen, die einen strukturierten Leitfaden liefern. Er kann in allen Lösungs- und Entscheidungsprozessen angewendet werden kann - egal ob in Teams, in Führungskreisen, in Initiativen, bei der Stadtentwicklung oder bei Koalitionsverhandlungen.
Nicht ganz leicht
Die Anwendung ist allerdings nicht ganz leicht. In unserem Training legen wir deshalb besonderen Wert darauf, das Verfahren praktisch zu erproben, zu üben und zu reflektieren.
